Gelungenes Beispiel: So gelingen Inklusion und Integration

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20.4.2018: aus Taunuszeitung.20.04.2018
Er ist seit seiner Flucht aus Syrien, bei der er zeitweise von seiner Familie getrennt war, traumatisiert. Er hat bis vor zwei Jahren kein Wort Deutsch gesprochen und sitzt aufgrund einer schweren Spina-bifida-Erkrankung im Rollstuhl. Und doch ist Mohammad (9) ein aufgewecktes Kerlchen und besucht die Friedrich-Ebert-Schule in Bad Homburg. Ein gelungenes Beispiel für Inklusion und Integration.

Mohammad macht der Unterricht Englischlehrerin Maresa Grell (links) Spaß. Unterstützt wird der Junge von Teilhabe-Assistentin Astrid Straub, links daneben die Klassenkameraden Luisa und Bruno.


Wie er da so sitzt, mit seinem hellblauen Hemd und der dunkelblauen Fliege um den Hals, hat er was von Pharrell Williams, der 2013 die ganze Welt in Freudentaumel versetzte, als er, ebenfalls mit Hemd und Fliege um den Hals, lachend und tanzend „Happy“ sang.

Lachen, das macht Mohammad Aloklah (9) auch gerne und oft. Tanzen kann er nicht. Seine Beine sind gelähmt. Spina bifida lautet die Diagnose, die seine Eltern nach seiner Geburt bekamen, bekannt auch als „offener Rücken“. Die angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks entsteht infolge einer Entwicklungsstörung im Mutterleib. Sie tritt bei rund jeder 1000. Geburt auf. „Die Auswirkungen können je nach Position des Wirbelbogenspaltes und dem Vorliegen von Schädigungen der Nervenstränge sehr unterschiedlich sein. Sie reichen von geringen Beeinträchtigungen bis zur Querschnittlähmung“, heißt es auf seltenekrankheiten.de.

Mohammad ist von der schweren Form der Erkrankung getroffen. Fünf Tage nach seiner Geburt wurde er in seinem Heimatland Syrien zwar operiert – aber eine Folge-OP gab’s nicht mehr. Weswegen die Chancen für ihn, jemals gehen zu können, ziemlich gering sind. „Ich lebe damit, was soll ich sonst auch tun“, sagt er und klingt nicht wie ein neunjähriger Junge, sondern eher wie ein weiser alter Mann. Vor allem klingt er nicht wie einer, der bis vor zwei Jahren noch kein Deutsch gesprochen hat.
Hanin Aloklah flüchtete 2016 mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus Syrien. Sie besucht den Gymnasialzweig der Gesamtschule am Gluckenstein.


Mohammad war im Oktober 2016 mit seiner Mutter, einer Arabisch-Lehrerin, und seinen Geschwistern Hanin (16), Mouaz (14) und Saad (5) nach der Flucht aus Syrien in Bad Homburg angekommen. Vater Morhig hatte es schon eineinhalb Jahre vorher über den Seeweg von Syrien nach Deutschland geschafft, fürchtet seither allerdings das Meer. Auch Mohammad traumatisierte die Flucht, er war nämlich tagelang von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt (siehe unten stehenden Text). Bis heute will er nicht lange von seiner Mutter weg sein, weswegen er auch nicht das Nachmittagsbetreuungs-Angebot annimmt, sondern sofort nach der Schule nach Hause geht. „Mama kocht Reis und Hühnchen, mein Lieblingsessen“, sagt der Bub und strahlt.

Dass er sich so gut ausdrücken kann, ist natürlich dem Schulbesuch und den Deutsch-Intensivkursen zu verdanken. Mohammad, der in Syrien nur ein halbes Jahr eine Schule besuchen konnte, weil er vorher keinen Rollstuhl hatte, wurde nämlich recht schnell in die Hans-Thoma-Schule in Oberursel eingeschult, eine Schule mit den Förderschwerpunkten körperliche und motorische Entwicklung und Lernen. „Aber Mohammad fühlte sich dort nicht wohl, wollte einfach eine ,normale‘ Schule besuchen“, sagt sein Vater, der in Syrien selbst als Grundschullehrer tätig war.

Die Familie nahm Kontakt auf mit dem Staatlichen Schulamt in Friedberg, genauer gesagt mit Ulrike Wagner von der Fachberatung Inklusion. Sie brachte die Sache ins Rollen, sprach mit dem Hochtaunuskreis als Schulträger und mit der Friedrich-Ebert-Schule (FES) im Bad Homburger Stadtteil Gonzenheim, deren Direktorin Charlotte Göttler-Fuld in Aussicht stellte, dass das zu leisten sei. Ortsbegehungen folgten, bei denen geprüft wurde, ob die behindertengerechte Schule auch speziell auf die Bedürfnisse Mohammads eingerichtet sei.

„Wir haben zum Beispiel einen Aufzug, der auch im Brandfall fährt, was schon mal ganz wichtig ist“, sagt Göttler-Fuld. An anderer Stelle habe ein bisschen nachgebessert werden müssen, zum Beispiel an der Türöffnung oder an der Toilette. Ein spezieller Sitzsack und ein Tablett, das Mohammad sich, wenn er mal nicht am Tisch sitzt, auf die Beine legen kann, um dort Arbeitsmaterialien abzulegen, mussten ebenfalls angeschafft werden. Rund 2000 Euro investierte der Kreis noch einmal in diese baulichen Anpassungen und individuelle Sachausstattung, erklärte Kreissprecherin Andrea Herzig auf Anfrage dieser Zeitung.

Auch personell musste aufgestockt werden. Mohammad bekommt ganztags eine sogenannte Teilhabe-Assistentin an die Seite gestellt, und zwar von der Eingliederungshilfe des Kreises. Astrid Straub hat diese Aufgabe übernommen, holt den Jungen morgens, nachdem er vom Malteser-Hilfsdienst gebracht worden ist, an der Eingangstür der FES ab und begleitet ihn den Schultag über. Sie sitzt neben ihm im Unterricht, hilft ihm, Anweisungen der Lehrer zu verstehen, lehrt ihn vor allem, selbstständiger zu werden. „Und das macht er ziemlich gut“, sagt sie.

Bei manchen Fächern braucht er so gut wie keine Hilfe, Mathe etwa, derzeit sein Lieblingsfach, oder Englisch. Wenn Englischlehrerin Maresa Grell zum Beispiel das Spiel „Simon says“ mit den Kindern spielt, bei dem die Kinder das tun müssen, was besagter Simon eben sagt, etwa „touch your hair“ – berühr dein Haar oder „touch your left ear“ – berühr dein linkes Ohr, dann macht Mohammad das ruck, zuck, weil er die Anweisungen eben verstanden hat.

Und wenn die Kinder in der Pause auf dem Hof toben, ist Mohammad auch immer dabei. „Ich kann natürlich nicht selbst Fußball spielen, aber ich kann den anderen Kindern den Ball zuwerfen, damit sie ihn dann kicken können. Das mache ich daheim mit meinem kleinen Bruder auch immer“, sagt er.


Fußball ist eine seiner großen Leidenschaften, er schaut sich auch viele Spiele im Fernsehen an. Seine zweite gilt der Medizin. „Ich möchte gerne Arzt werden“, sagt er. „Ich möchte anderen helfen.“

Bis es so weit ist, hofft er allerdings erst einmal, dass andere seiner Familie helfen können. Die sechsköpfige Familie lebte zunächst in der Flüchtlingsunterkunft in der Schwalbacher Straße. Nachdem der Asylstatus anerkannt war, musste sie in eine andere Bleibe umziehen. Weil Wohnraum in Bad Homburg bekanntlich rar gesät ist, kam sie in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Usinger Weg unter, eigentlich eine der Obdachlosenunterkünfte der Stadt. „Wir sind natürlich froh, dass wir eine Wohnung haben, aber sie ist sehr klein“, sagt Mohammad und erklärt: „Meine Eltern haben ein Schlafzimmer und meine zwei Brüder, meine Schwester und ich müssen uns das zweite Zimmer teilen.“ Das sei natürlich machbar, „weil wir uns auch gut verstehen“, aber gerade seine ältere Schwester, brauche doch immer öfter Ruhe zum Lernen. Mohammad: „Ich glaube, es ist schwer für sie, mit uns Jüngeren in einem Zimmer gut für die Schule zu arbeiten.“

» http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/So-gelingen-Inklusion-und-Integration;art48711,2966096

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