„Nachbesserungen sind dringend erforderlich“

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13.4.2018: „Nachbesserungen sind dringend erforderlich“
Zwischenbilanz nach drei Jahren InteA-Programm

Um geflüchtete Jugendliche in Schule und Arbeitsmarkt zu integrieren, hat die hessische Landesregierung zum Schuljahr 2015/2016 an Berufsschulen das Programm InteA gestartet. Nach knapp zwei Jahren zieht der PARITÄTISCHE Hessen jetzt eine Zwischenbilanz. „Das Programm ist sehr lobenswert, aber um tatsächlich der Mehrheit der Jugendlichen den Weg in einen qualifizierten Beruf zu eröffnen, sind deutliche Nachbesserungen er-forderlich“, sagt Dr. Yasmin Alinaghi, Landesgeschäftsführerin des PARITÄ-TISCHEN Hessen. Denn das erklärte Ziel, ausreichende Deutschkenntnisse und einen Schulabschluss zu erlangen, haben die meisten Schüler*innen nicht erreicht, wie die Statistik zeigt: Von den etwa 2.200 Jugendliche, die bisher die InteA-Klassen verlassen haben, haben 22 einen Realschulab-schluss geschafft und 442 einen Hauptschulabschluss. 1.185 haben Sprachkenntnissen auf dem Niveau A2/B1 nachgewiesen, die Mindestvo-raussetzung für den Beginn einer Berufsausbildung sind.

Zum Schuljahresende in diesem Sommer werden rund weitere 5.500 junge Menschen die InteA-Klassen verlassen. „Um ihnen berufliche Perspektiven zu eröffnen, braucht es dringend noch mehr Anschlussprogramme und Al-ternativen“, sagt Annette Wippermann, Referentin für Arbeit, Qualifizierung und Beschäftigung beim PARITÄTISCHEN Hessen. „Den Fokus jetzt auf eine schnelle Vermittlung in unqualifizierte Jobs zu setzen, würde zu kurz greifen – weder für die jungen Menschen ist das nachhaltig, noch mit Blick auf den wachsenden Fachkräftemangel.“
Ähnlich fiel kürzlich das Fazit bei einer Fachtagung des Netzwerks BLEIB in Hessen II aus, das Geflüchtete in sieben hessischen Landkreisen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt berät. Das überregionale Beratungsnetzwerk wird vom Mittelhessischen Bildungsverband e. V. koordiniert und gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozial-fonds. Eine der Forderungen der Expert*innen ist, die Altersgrenze für den Besuch von InteA-Klassen von derzeit 20 auf 27 Jahre heraufzusetzen. Auch die Laufzeit des Programms sollte verlängert werden, derzeit ist ein maximal zweijähriger Schulbesuch vorgesehen. Er sollte auf mindestens vier Jahre verlängert werden, wobei künftig auch Pflichtpraktika zum Pro-gramm gehören sollten. Um den Einstieg ins Arbeitsleben zu erleichtern, ist auch eine Interkulturelle Sensibilisierung nötig.


Kleinere Klassen und mehr sozialpädagogische Betreuung sind ebenfalls erforderlich. Denn viele Schüler*innen der InteA-Klassen haben in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht Traumatisches erlebt, viele haben ge-brochene Bildungsbiografien und unsichere Bleibeperspektiven und benöti-gen über den üblichen Unterricht hinaus Unterstützung.
Ausgebaut werden sollten auch die Anschlussprogramme, in die Absol-vent*innen der der InteA-Klassen wechseln können. Der PARITÄTISCHE Hessen begrüßt den Entschluss des HMSI, analog zu „Wirtschaft inte-griert“ das Programm „Sozialwirtschaft integriert“ einzurichten. Leider bleibt dieses bezogen auf die finanzielle und zahlenmäßige Ausgestaltung weit hinter „Wirtschaft integriert“ zurück und sollte aufgestockt werden.
Ein weiterer Knackpunkt ist die ungewisse Zukunft vieler Geflüchteter, die zum Teil befürchten müssen, in Kriegs- und Krisenregionen abgeschoben zu werden. Der PARITÄTISCHE Hessen fordert, einen sicheren Aufenthalt während des Schulbesuchs zu garantieren, analog zur Ausbildungsduldung, die bislang nur für duale Berufsausbildungen gewährt wird. Christoph Rett-ler, BLEIB-Berater in Marburg, berichtet, dass dies dazu führt, dass sich In-teA-Schüler*innen mit ungewisser Bleibeperspektive voreilig für eine Ausbil-dung zum Zweck der Aufenthaltssicherung entscheiden, obwohl ihr Interes-se nicht unbedingt in dieser beruflichen Richtung liegt oder sie dafür noch nicht reif sind: „Die Folge ist oft, dass die Ausbildung die jungen Azubis vor zu große Herausforderungen stellt, insbesondere fehlende Sprachkenntnis-se führen dann häufig zu Schwierigkeiten in der Berufsschule und im Aus-bildungsbetrieb.“

Ansprechpartnerin beim PARITÄTISCHEN Hessen:
Annette Wippermann
Referentin Arbeit, Qualifizierung und Beschäftigung
Telefon: 069/95 52 62-29
E-Mail: annette.wippermann@paritaet-hessen.org

Ansprechpartnerin bei BLEIB in Hessen II:
Lydia Koblofsky
Koordinatorin BLEIB in Hessen II
Mittelhessischer Bildungsverband e.V.
Telefon 06421 / 33099-95
E-Mail: koblofsky@mbv-ev.com
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Der PARITÄTISCHE Hessen ist der Spitzenverband von 800 sozialen Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen, Frauen- und Mädchenarbeit, Behinderten- und Altenhilfe, Migrationsarbeit, Suchtkranken- und Selbsthilfe, Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe, Arbeitsmarktpolitik, soziale Psychiatrie sowie Freiwilligenarbeit. Mehr als 57.000 hauptamtliche und 35.000 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den Einrichtungen tätig.
Der PARITÄTISCHE Hessen vertritt die Interessen der hilfebedürftigen und benachteiligten Menschen ebenso wie die Interessen seiner Mitgliedsorganisationen. Durch Lobbyarbeit sowie durch fachliche, rechtliche und finanzielle Unterstützung sichert er die Qualität der sozialen Arbeit seiner Mitglieder

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