Experte: Flucht ist für Frauen oft extrem riskant

Zurück zur Übersicht

1.9.2017: aus Taunuszeitung.Friedrichsdorf.
Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren – das ist das Bild, das viele von einem „typischen Geflüchteten“ haben, so Dr. Tobias Krohmer, Referent für gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Hochtaunus. „Das kommt daher, dass zwei Drittel der Geflüchteten, die zu uns kommen, tatsächlich junge Männer sind.“ Doch das bedeute nicht, dass Frauen weniger Anlass für eine Flucht hätten – im Gegenteil. Über „Frauen auf der Flucht“ sprach Krohmer beim Frauenfrühstück im evangelischen Gemeindezentrum „Haus der lebendigen Steine“.

Er ist als Moderator und Koordinator für den Arbeitskreis Flüchtlinge im Hochtaunus zuständig. „Frauen suchen oft Schutz in anderen Regionen ihrer Herkunftsländer oder fliehen in Nachbarländer – so wie ein Großteil aller Flüchtlinge. Weltweit befinden sich derzeit rund 66 Millionen Menschen auf der Flucht.“ Nur zwei bis drei Millionen Menschen machten sich auf den Weg in Richtung Europa. Gründe zur Flucht seien meist Krieg und Konflikte. „Doch für Frauen birgt ein Krieg in stark patriarchalisch geprägten Gesellschaftsstrukturen eine weitere Gefahr – die der sexualisierten Gewalt.“ Eine Vergewaltigung bringe in diesen Ländern Schande über die Frau und ihre gesamte Familie.

In Abhängigkeit geraten

Hinzu komme: „Menschenrechtsverletzungen erfahren Frauen auch in Friedenszeiten. Sie sind eine gefährdete und besonders verwundbare Gruppe.“ Mädchen würde mitunter der Schulbesuch verweigert und Minderjährige würden zwangsverheiratet. „Zu den widerwärtigsten Menschenrechtsverletzungen gehören Genitalverstümmelungen.“ Entschieden sich Frauen zur Flucht, gelinge es nur wenigen, in Sicherheit zu gelangen. „Die Flucht aus Ländern wie Syrien oder Afghanistan ist lang und gefährlich. „Oft geraten Frauen in Abhängigkeit von Schleppern, die sie zur Prostitution zwingen, wenn sie ihre Flucht nicht komplett bezahlen können. „Und wenn es die Frauen bis nach Europa schaffen, sind die Qualen nicht vorbei. Viele sind schwer traumatisiert.“ Selbst die Flüchtlingsunterkünfte seien kein Hort der Sicherheit: „Auch hier besteht für alleinstehende Frauen die Gefahr von sexuellen Übergriffen.“

Schwer traumatisiert

„30 bis 40 Prozent der Frauen, die zu uns geflüchtet sind, sind schwer traumatisiert“, so Krohmer. Doch oftmals dauere es Monate oder sogar Jahre, bis sie in psychotherapeutische Behandlung kommen können. „Flüchtlinge, die sich weniger als 15 Monate in Deutschland aufhalten, steht nur eine medizinische Notversorgung zu. Erst wenn über den Asylantrag entschieden ist, übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Behandlung.“

In den Unterkünften im Hochtaunuskreises würden die Bewohner gut sozial betreut. Kritisch sieht Krohmer die Entscheidung der Bundesregierung, den Familiennachzug für sogenannte subsidiäre Schutzberechtigte auszusetzen. Betroffen davon sind unter anderem Syrer. „Diese Asylrechtsverschärfung zwingt Frauen, deren Männer bereits in Deutschland sind, dazu, sich alleine auf die gefährliche Flucht zu begeben.“

» http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Experte-Flucht-ist-fuer-Frauen-oft-extrem-riskant;art48711,2755194

Zurück zur Übersicht
zurück zur Startseite