Integration in Usingen: „Kontakt zu den Bürgern ist das Wichtigste“

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6.6.2017: aus Taunuszeitung.Usingen.
Vor nunmehr drei Jahren sind im Sommer 2014 die ersten Flüchtlinge im ehemaligen Usinger Krankenhaus eingezogen. Von vielen ist der Asylantrag mittlerweile positiv beschieden. Für sie hat die schwierige Suche nach einer eigenen Bleibe und einer bezahlten Arbeit begonnen.

Sind beide gefunden, ist zumeist ein wichtiger Schritt auf dem Weg einer glückenden Integration gemeistert. Was ist das überhaupt, Integration? Und wie funktioniert Integration? TZ-Mitarbeiter Matthias Pieren hat sich darüber mit zwei Usingern unterhalten, die sich seit 2014 in der Flüchtlingshilfe engagieren: Barbara Drago-Koch und Hugo Craenen.


Die deutsche Sprache ist Voraussetzung für Integration, heißt es oft. Frau Drago-Koch, Ihre Mitstreiter vermitteln seit drei Jahren Flüchtlingen erste Deutschkenntnisse. Nach dem Asylverfahren und der offiziellen Anerkennung erhalten diese im Rahmen eines rund 700 stündigen Integrationskurses beim Internationalen Bund (IB) oder anderen Institutionen für rund eineinhalb Jahre zertifizierten Deutschunterricht. Wie gut sprechen die Flüchtlinge danach Deutsch?

BARBARA DRAGO-KOCH: Das ist ganz unterschiedlich und hängt natürlich von der persönlichen Begabung und auch von der Zusammensetzung der Klassen und dem Unterricht selbst ab. Doch ich bin der Überzeugung, dass all die Deutschkurse nichts bringen, wenn die Flüchtlinge keinen Kontakt zu deutschsprachigen Bürgern haben und im Alltag keine Gelegenheit haben, Deutsch zu sprechen.

Wieso das?

DRAGO-KOCH: Pointiert formuliert: Für den Alltag in Usingen braucht man nicht unbedingt Deutschkenntnisse, um durchzukommen. Zum Beispiel im Supermarkt: Da legt man die Waren auf das Band, schaut an der Kasse auf die Zahl und bezahlt. Die eigenen Kinder, die im Kindergarten und der Schule recht mühelos Deutsch lernen, dolmetschen, etwa beim Arztbesuch.

HUGO CRAENEN: Untereinander sind die Flüchtlinge bestens über das Smartphone vernetzt und sprechen ihre Muttersprache. Ohne persönlichen Kontakt zu Usingern und ohne Beziehungen zu deutschsprachigen Menschen im Alltag, bringen die Deutschkurse wenig. Ich merke das oft im Flüchtlingswohnheim, wie schwierig es für sie ist, einfache Texte aus der Zeitung zu lesen und zu verstehen.

Das klingt ernüchternd, fast so, als könne man sich die Kosten für die Deutschkurse sparen?

DRAGO-KOCH: Ganz so ist es auch nicht, doch eine andere Sprache lernt man nur über Begegnung und Beziehungen. Das gilt völlig unabhängig vom Bildungsstand und der Art der Sprache?

Sind Sie sich sicher?

DRAGO-KOCH: Ein Beispiel: Ich habe an einer Fortbildung des Goethe-Instituts „Deutsch für Flüchtlinge“ teilgenommen. Der Einstieg lief in arabischer Sprache und auch Schrift. Wir lernten die Begrüßung und andere grundlegende Dinge. Zuhause hatte ich alles schon wieder vergessen.

Ist also der Kontakt zur Bevölkerung entscheidend, für den Erwerb der deutschen Sprache?

CRAENEN: Ja, so ist das. Die Bereitschaft zu Kontakten und Begegnungen ist alles entscheidend. Leider gibt es enorme Berührungsängste. Ein anderes, persönliches Beispiel: In jungen Jahren habe ich einmal ein Jahr lang in Pakistan gelebt. Dort hat man mir verweigert, deren Muttersprache Urdu zu sprechen. Die Menschen haben mit mir Englisch gesprochen, weil das für sie den Anschluss an die westliche Welt bedeutete. Ich habe es nicht geschafft Urdu zu sprechen.

DRAGO-KOCH: Ich hatte 1970 die Möglichkeit, als Deutschlehrerin in einer Handelsschule in Como zu arbeiten. Italienisch habe ich seinerzeit ganz praktisch im Alltag im Miteinander mit den Italienern gelernt. Zum Glück ist man mir offen begegnet. Schulisch habe ich die Sprache dann erst im Nachhinein an der Uni in Frankfurt gelernt.

Der Zuzug der Flüchtlinge stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Dabei wird von Politikern wie von Bürgern der ’Integration’ von Flüchtlingen eine Schlüsselrolle zugewiesen. Ein großes Wort, doch welche Bedeutung hat es für Sie?

BARBARA DRAGO-KOCH: Integration bedeutet eigentlich Bestandteil eines Ganzen zu sein, im Falle der Flüchtlinge also Bestandteil der Gesellschaft zu sein, ohne seine persönliche und kulturelle Identität aufgeben zu müssen. Bei vielen von uns wird aber Integration mit Assimilation, also der totalen Angleichung, verwechselt. Das weckt nicht erfüllbare Erwartungen, was wiederum zu Enttäuschungen führt und damit Vorurteile und Ablehnung hervorruft oder verstärkt. Mein Schwiegersohn, der Kurde ist, sagte mir, dass für ihn Integration bedeutet, dass man die Gesetze, eines Landes achtet und dessen Gewohnheiten und Gepflogenheiten im Alltag und Umgang mit den Menschen hält.

Die Forderung nach Integration ohne genau zu definieren, was wir als Gesellschaft und die zu integrierenden Menschen darunter zu verstehen haben sowie der Mangel an einem ganzheitlichen Konzept mit der dazugehörigen personellen, finanziellen und räumlichen Ausstattung ist in meinen Augen kontraproduktiv und wird durch den allgegenwärtigen Gebrauch dieses Wortes nicht besser.

CRAENEN: Ich habe den Eindruck, bei dem Ruf nach Integration schwingt immer die Erwartung mit, was die Flüchtlinge tun und lassen sollen, um sich richtig zu integrieren. Das entspricht aber der Assimilation Integration ist kein einseitiger Prozess, sondern ein beidseitiger. Viele in der Flüchtlingshilfe engagierte Menschen tragen mit dazu bei, dass Integration gelingt. Sie zeigen sich interessiert an den Menschen aus anderen Kulturen, helfen aber auch persönlich dabei, dass deren Leben im deutschen Alltag gelingt.

Das kann nicht jeder Bürger leisten.

CRAENEN: Das ist mir klar. Doch eine Offenheit ist die Grundvoraussetzung für ein gutes Miteinander. Seitens der Stadt Usingen gibt es Überlegungen, einen Raum für Begegnungen zu schaffen. Es gibt die Idee, im bestehenden „Café Ole“ zu speziellen Zeiten ein „Deutsch-Café“ anzubieten. Alle deutschsprachigen Bürger sind eingeladen, während der Öffnungszeiten Flüchtlinge kennen zu lernen und sich zu begegnen. Verständigt wird sich dabei über die deutsche Sprache. Die Begegnung dort kann auf Augenhöhe stattfinden. Dabei können sich alltägliche Beziehungen entwickeln.

» http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/usinger-land/Integration-in-Usingen-bdquo-Kontakt-zu-den-Buergern-ist-das-Wichtigste-ldquo;art48706,2656990

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