Abschiebung: Hindu-Familie droht nun in Afghanistan der Tod

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7.2.2017: aus Taunuszeitung. Königstein.
Es ist der Moment, in dem Zahlen Gesichter bekommen, in dem aus Statistiken Einzelschicksale werden. Bis vor wenigen Tagen noch gehörten Krishma Kapoor (43) und ihre beiden Söhne, Karan (18) und Sahel (14), zur großen Gruppe der mehr als 120 000 Afghanen, die sich laut „Proasyl“ in Deutschland aufhalten und „auf Schutz oder ein Bleiberecht“ hoffen. Jetzt hat sich ihr Status geändert, jedoch nicht zum Besseren. Im Gegenteil.




Info: „Einladung zum Hinrichten“

„Alle Hindus und Sikhs werden in Afghanistan von der Bevölkerung, den Extremisten sowie der Regierung nicht anerkannt“, so skizzierte der Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland

Krishma, Karan und Sahel Kapoor gehören mit einem Mal zu den rund 11 900 ausreisepflichtigen afghanischen Staatsbürgern in der Bundesrepublik. Am Samstag vergangener Woche haben die Drei, die bereits seit 2013 in Königstein leben, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Mitteilung erhalten, dass ihre Anträge auf Asyl in der Bundesrepublik abgelehnt sind. Binnen 30 Tagen, so die Fristsetzung, haben sie die Möglichkeit, freiwillig auszureisen. Danach droht die Abschiebung.

Ein Szenario, das lange eher theoretischer Natur war, seit Abschluss des deutsch-afghanischen Rücknahme-Abkommens aber zur Realität geworden ist. Erste Rückführungen haben bereits stattgefunden. Auch wenn die Situation in dem Land am Hindukusch besorgniserregend ist.




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Fast 3500 Todesopfer und mehr als 7900 Verletzte allein im vergangenen Jahr – nach dem jüngsten Bericht der Uno-Mission in Afghanistan (Unama) hat sich die Sicherheitslage im Land am Hindukusch 2016 drastisch verschlechtert.

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Und das für die vierköpfige Familie Kapoor – Vater Krishna hat seinen Ablehnungsbescheid zwar noch nicht, muss aber auch damit rechnen – noch um einiges mehr. Die Kapoors gehören zu einer absoluten Minderheit in der afghanischen Bevölkerung, die sich zum hinduistischen Glauben bekennt. Ein Bekenntnis, das in dem durch und durch muslimisch geprägten Land ein erhebliches Risiko birgt. Repressalien gegen die Hindus sind in Afghanistan keine Seltenheit.

Auch Familie Kapoor, bis zu ihrer Flucht in der Hauptstadt Kabul zu Hause, sah sich ihnen ausgesetzt und suchte daraufhin im Tempel ihrer Gemeinde Zuflucht – über lange Zeit. „Ich hatte immer Angst, wenn mein Mann den Tempel verließ. Ich wusste nie, ob er gesund zurückkommen würde“, erzählte Krishma Kapoor gestern bei einer Pressekonferenz im Königsteiner Rathaus.

Zuflucht im Tempel

Sie selbst habe den Tempel nicht mehr verlassen, ihre Söhne seien ebenfalls im Schutz der Tempelmauern geblieben. An einen Schulbesuch sei nicht zu denken gewesen. Von ihrem Vater, so Karam, hätten sie etwas schreiben gelernt.

Kein Leben für eine Familie. Deshalb auch habe man alles Hab und Gut verkauft, und sei nach Deutschland gekommen, um hier Schutz und eine Zukunft zu finden. Die Wahl sei auch deshalb auf Deutschland gefallen, weil hier bereits Verwandte leben.

Und jetzt sollen all die Hoffnungen mit einem Schreiben vom Amt „gestorben“ sein? Krishma Kapoor, kann beim Gedanken daran, mit ihren Söhnen in ein Land zurückkehren zu müssen, in dem sie um Leib und Leben fürchten müssen, die Tränen nicht zurückhalten.

Sorgen um die Zukunft der Kapoors machen sich auch Bürgermeister Leonhard Helm (CDU) und Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer, die Mitbegründerin des Freundeskreises Asyl. Allerdings mischt sich in ihre Sorge auch ein gehöriges Maß an Enttäuschung und Empörung über das Vorgehen und die Entscheidung des Bundesamtes für Migration.

Es gehe hier nicht um die grundsätzliche Frage, ob abgelehnte Asylbewerber in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden sollten oder nicht, betonte Rathauschef Helm gestern. Es gehe um den Einzelfall, denn auf dessen Prüfung habe jeder Asylsuchende ein Recht.

Und genau in diesem Einzelfall, dem der Hindu-Familie Kapoor, sei die Ablehnung ihres Asylgesuchs in seinen Augen auf jeden Fall falsch. „Wozu brauchen wir Behörden, die solche Entscheidungen treffen?“, fragt sich der Königsteiner Rathauschef. Ob hier Unkenntnis oder übertriebene Paragrafentreue zugrundeliegen – für Helm spielt das bei seiner Bewertung keine Rolle.

Er sorgt sich vielmehr auch um die Signalwirkung, die von solchen Entscheidungen ausgehe: „Damit verliert Politik doch einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit“ – nicht nur für Familie Kapoor, sondern auch für die vielen ehrenamtlichen Helfer, die sich in Königstein um das Thema Integration verdient machen. Schließlich sei die Familie aus Afghanistan ein Musterbeispiel für das, was man unter gelungener Einbindung verstehe.

Voll integriert

Die beiden Jungs besuchen die Friedrich-Stoltze-Schule, haben nicht zuletzt dank ihrer „Patin“ Karin Bauer schon sehr gut Deutsch gelernt. Die Mittlere Reife sollte kein Problem sein. Der Ältere, Karan, will danach die Fachoberschule besuchen und sein Lieblingsfach, Mathe, zum Beruf machen – ein Job in der IT wäre sein Traum.

Vater Krishna soll demnächst eine Arbeit bekommen und Mutter Krishma ist längst aus dem Team der städtischen Kita nicht mehr wegzudenken. Hier hat sie eine feste Anstellung in der Küche gefunden und hilft tatkräftig mit, dass täglich 100 Mittagessen für Kita- und Hortkinder auf den Tisch kommen.

Für Bürgermeister Helm ist die Causa „Kapoor“ denn auch gleich in doppelter Hinsicht „Chefsache“, stellt er sich schützend vor die Familie. Und da steht er nicht allein. Kita-Gemeinde, Kirchen, Freundeskreis „Asyl“ – die Liste derer, die den Kapoors helfen wollten, sei lang, lässt Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer wissen.

Breite Unterstützung

Für sie selbst sei es einfach nur „grotesk“ und „krass ungerecht“, dass die Familie jetzt – nach drei Jahren, in denen sie sich integriert und persönliche Bindungen aufgebaut habe – Deutschland verlassen solle. Stoodt-Neuschäfer: „Wir reden ja hier von Menschen, die schon längst da waren, als der große Flüchtlingsstrom 2015 Deutschland erreichte. Das ist doch widersinnig.“ Umso stärker wollen die Unterstützer von Familie Kapoor auf allen Ebenen dafür werben und kämpfen, dass Krishma, Krishna, Karan und Sahel in Deutschland bleiben können und eine Zukunft haben.

Ein Anwalt ist bereits eingeschaltet, eine Petition für den Landtag soll auf den Weg gebracht werden, zudem hat Bürgermeister Helm bereits in der Staatskanzlei und bei einigen Spitzenvertretern der heimischen Politik um Unterstützung nachgesucht.

» http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Abschiebung-Hindu-Familie-droht-nun-in-Afghanistan-der-Tod;art48711,2462752

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