Auch in Deutschland Bauingenieurin sein

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23.1.2017: aus Taunuszeitung. Kronberg.
Täglich pendelt die 38-jährige Darin Khallouf die eineinhalb Stunden von Kronberg nach Darmstadt an die Hochschule und wieder zurück. Der lange Weg macht ihr aber nichts aus. Darin hat nämlich ein Ziel vor Augen: sich für den Master an einer deutschen Hochschule bewerben.

Das kann sie aber nur, wenn sie die DSH, die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang, absolviert. Genau genommen bedeutet das, sie muss das Sprachniveau C1 haben. Deshalb besucht sie ein Einstiegsprogramm für Flüchtlinge, das die Hochschule Darmstadt seit 2016 erstmalig anbietet. Hier lernen die Teilnehmer montags bis freitags intensiv Deutsch – täglich drei Stunden lang. Zusätzlich können sie zwei Fächer, die zum Studiengang Ingenieurwissenschaften dazugehören, besuchen und reinschnuppern: Elektrotechnik und Mathematik.

Darin konzentriert sich hauptsächlich auf den Sprachkurs. „Die Sprache ist sehr wichtig, denn ohne Deutsch kann ich nicht arbeiten oder studieren“, erklärt sie. Vor einem Jahr und zwei Monaten kam sie aus der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Deutschland. Lebte die ersten zwei Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. Im Januar 2016 zog sie in die Burgstadt. Lebt dort mit etwa 40 anderen Flüchtlingen in einer Unterkunft.

Abschluss in Damaskus

An der Universität Damaskus hat sie studiert und 2002 ihren Bachelorabschluss in Bauingenieurwesen gemacht. Acht Jahre arbeitete sie in einem Ingenieurbüro, konnte sich viel Praxiserfahrung und Wissen aneignen. „Ich habe meine Arbeit sehr geliebt und fand sie immer spannend“, sagt Darin. Ihr Vater ist Lehrer für Philosophie, ihre Mutter Lehrerin für Psychologie. Sie wächst in einer weltoffenen Familie auf – zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwester. „Bildung war bei uns immer wichtig“, erklärt sie und ergänzt: „In Damaskus ist es kein Problem, als Frau an die Universität zu gehen.“ Ihren Bachelor bekommt sie in Deutschland anerkannt. Für das Einstiegsprogramm der Hochschule macht sie einen Eignungstest – den sie besteht. Mittlerweile hat sie das Sprachniveau B1 erhalten – im April steht die Prüfung für B2, im Juli die für C1 an.

In der Flüchtlingsunterkunft ist die gebürtige Syrerin Ansprechpartnerin für jeden: Sie hilft bei Problemen, übersetzt, wenn es Sprachbarrieren gibt. „Darin ist wirklich ein wertvoller Mensch für uns und unsere Arbeit“, lobt ihre Patin Lore Volkmann vom Verein Integration. Flüchtlinge. Kronberg, der für die Syrerin die Fahrtkosten und Semestergebühren übernimmt. „Doch manchmal ist sie zu engagiert“, so Volkmann.

Vor ihrer Sprachprüfung am 10. Januar beispielsweise fuhr sie nachts mit einer Nachbarin ins Krankenhaus nach Bad Soden, denn die erwartete ihr Baby. Die ganze Nacht über blieb sie dort, fuhr früh morgens nach Darmstadt und bestand den Test dennoch mit Bravour. Um noch besser Deutsch zu lernen, besucht Darin zusammen mit ihrer Patin Konzerte, geht in Museen oder mal ins Kino – für die deutsche Kultur interessiert sie sich sehr. „Ich finde das hessische Essen prima, das schmeckt sehr gut“, schwärmt sie.

Auch, dass Frauen in Deutschland so viel machen können, fasziniert sie. „Hier fahren Frauen Fahrrad, sind in Vereinen und gehen selbst im hohen Alter arbeiten“, so Darin. Einmal wöchentlich trifft sie sich mit einer Handarbeitsgruppe, strickt für den guten Zweck, organisiert mit den Frauen Flohmärkte und Stände an Festen. Sportlich ist sie ebenfalls – spielt im Tischtennisverein.

Dass die Flüchtlingshilfe in Kronberg gut funktioniere und viele Bürger sich engagieren, lobt Lore Volkmann. „Wir versuchen, ein vielfältiges Angebot zu gestalten. Von Sprachkursen bis zu wöchentlichen Treffen, Kochabenden und Ausflügen“, so Volkmann.

Wenn Darin im Juli ihren Test besteht, weiß sie schon, was sie als Nächstes in Angriff nehmen will: „Ich möchte meinen Master im Bereich Ingenieurwissenschaften machen.“

Ihrem Asylantrag wurde stattgegeben – ein Jahr hat sie Anspruch auf subsidiären Schutz. Danach muss sie einen Antrag auf Verlängerung stellen. Darin jedenfalls möchte in Deutschland bleiben, arbeiten und sich weiterbilden, um ein neues Leben zu beginnen.

» http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Auch-in-Deutschland-Bauingenieurin-sein;art48711,2436563

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