Hoffen auf ein neues Leben

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11.1.2017: aus Taunuszeitung. Friedrichsdorf.
Bereits zwei Jahre leben Abdul Khalil Mangal, seine Frau Hangama und die drei gemeinsamen Kinder Barin (21), Hassib (16) und Wissa (5) nun schon in Deutschland. Geflohen sind sie 2014 aus der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der Grund: Abdul Khalil fühlte sich bedroht von den Taliban – hatte große Angst um seine Familie, die er in Sicherheit wissen wollte.




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Flüchtlinge aus Afghanistan sollen verstärkt abgeschoben werden, wenn sie als ausreisepflichtig eingestuft sind – so hat es die Bundesregierung angekündigt.

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Denn der Mann, der einst Jura studiert hat und fließend Französisch spricht, arbeitete in Afghanistan für die ISAF: eine Sicherheits- und Wiederaufbaumission, die unter Nato-Führung im Rahmen des Afghanistankrieges von 2001 bis 2014 stattfand. „Ich war von 2003 bis 2013 als Chef-Dolmetscher und Logistiker tätig“, erzählt Abdul Khalil. Zehn Jahre unterstützt er in seiner Position die belgischen Truppen des Nato-Bündnisses.

Seine Frau arbeitete zu dieser Zeit in einer ausländischen Bank, die älteste Tochter Barin studierte im IT-Bereich an einer amerikanischen Universität. „Wir hatten immer das Problem, auch von unserer Familie aus, dass uns vorgeworfen wurde, für den Westen zu arbeiten“, erklärt Hangama Mangal und ergänzt: „Dass die Nato ein Bündnis vieler Staaten ist, wurde nicht gesehen. Es herrschte immer so etwas wie Hass gegenüber uns, wegen der Arbeit meines Mannes.“

Schlussendlich ist es die Angst wegen der Drohungen – auch aus dem eigenen Familienkreis –, die die Familie dazu bewegt, Afghanistan zu verlassen. Zunächst reisen Hangama und die Kleinste nach Deutschland. Abdul Khalil und seine großen Kinder kommen auf einem anderen Weg hierher. Die Familie stellt einen Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die erste Anhörung findet kurz nach der Einreise statt, die zweite vergangenen August. Ende Oktober erhalten Vater und Hassib, Anfang November Mutter und Wissa einen Ablehnungsbescheid. Barin hat bis heute weder eine Ablehnung noch eine Genehmigung bekommen.

In dem Bescheid werden verschiedene Gründe angeführt, weshalb einem Antrag auf Asyl nicht stattgegeben wird. So heißt es: „Die Familie hätte eine inländische Fluchtalternative wählen können“, zählt Barbara Wolf-Krause auf, die ehrenamtlich beim Arbeitskreis Asyl tätig ist und die Familie mit am längsten kennt. Die Familie hätte beispielsweise nach Masar-i-Sharif fliehen können – einem angeblich noch sicheren Ort. Allerdings sei dort erst im November ein Anschlag der Taliban auf das deutsche Konsulat verübt worden. Als weiterer Grund für den ablehnenden Bescheid wird genannt, dass sich Abdul Khalil an die Polizei hätte wenden können, wenn er sich bedroht gefühlt habe.

Dass ausgerechnet Familie Mangal einen Ablehnungsbescheid bekommt, versteht man beim Asylkreis nicht. „Wir haben wirklich gedacht, dass die berufliche Tätigkeit des Vaters Grund genug ist“, sagt Wolf-Krause. Auch Familie Mangal selbst war zunächst geschockt. Inzwischen hat sie Klage gegen den Bescheid eingereicht – ansonsten hätte sie innerhalb von 30 Tagen ausreisen müssen.

Lebensmut bleibt

Doch die Familie lässt sich ihren Lebensmut nicht nehmen. In Deutschland sind sie gut integriert, leben gerne hier, arbeiten und helfen beim Asylkreis, wo sie nur können. „Bei unserem Welcome-Café sind sie immer mit dabei, helfen beim Auf- und Abbauen und unterstützen die afghanischen Familien, die es in Friedrichsdorf gibt“, erzählt die ehrenamtliche Helferin. Die Wohnungssuche haben sie auch auf eigene Faust gemeistert.

Zweimal wöchentlich geht Abdul Khalil zum Deutschkurs. Ebenso hat er sich beim Arbeitsamt gemeldet und verschiedene Maßnahmen mitgemacht. „Ich bin sogar bis nach Rüsselsheim gefahren, um an den Maßnahmen teilzunehmen“, berichtet er – für einen Job sei ihm kein Weg zu weit. Einen Führerschein hat er, doch der wird in Deutschland nicht anerkannt, weshalb er erneut Fahrstunden nimmt. „Ich möchte auf eigenen Füßen stehen und mit meiner Familie ein neues Leben aufbauen. Ohne die ständige Angst, dass ihnen etwas passiert.“

Mutter Hangama macht ein Praktikum im Alten- und Pflegeheim Kroh in Köppern. Dort will sie danach eine Ausbildung zur Altenpflegerin machen. „Das ist eine wichtige und bedeutende Aufgabe“, findet sie. Und Pflegekräfte werden händeringend gesucht. Barin macht für insgesamt sechs Monate ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Flüchtlingswohnheim in Neu-Anspach. Anfang dieses Jahres absolviert sie die Aufnahmeprüfung für das Studienkolleg, so dass sie nach dessen Abschluss an eine deutsche Universität gehen kann. „Ich will wieder studieren und mir eine Zukunft aufbauen.“

Hassib besucht die neunte Klasse der Philipp-Reis-Schule. „Seine Noten sind so gut, dass er anstrebt vom Realschulzweig auf den Gymnasialzweig zu wechseln“, ist Wolf-Krause stolz auf ihn. Und die kleine Wissa besucht die Vorschulklasse, spricht ebenfalls schon Deutsch und hat viele Freunde gefunden, die sie nicht missen möchte.




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