Interview mit Flüchtlingen: „Der Tod läuft auf der Straße mit“

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30.12.2016: aus: Taunus Zeitung.
Flüchtlinge im Taunus

Sie haben eine Odyssee hinter sich, teilen sich ihr Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft, warten seit vielen Monaten darauf, dass sich ihr Status ändert und sie von den Behörden anerkannt werden – und hadern mit der Ungewissheit darüber, was die Zukunft bringt: Flüchtlinge. Im TZ-Interview haben vier von ihnen darüber gesprochen, mit welchen Vorstellungen sie nach Deutschland gekommen sind, wie es sich anfühlt, Flüchtling in Bad Homburg zu sein und wovon sie träumen. Redakteurin Sabine Münstermann hat mit Feras (26) aus dem Irak, Akhter Shah Agha (30) aus Afghanistan und den beiden Syrern Khaled (24) und Alaa (27) gesprochen. Aus Sorge um die Familie in der Heimat haben sie darum gebeten, ihre Nachnamen nicht zu veröffentlichen.

Seit Jahren herrscht Krieg in Ihrer Heimat Syrien. Erinnern Sie sich an den Tag, als Sie beschlossen, dass Sie das Land verlassen würden?

ALAA: Und ob ich das noch weiß. Sehen Sie, ich habe nach dem Abitur als Mobilfunkverkäufer in Dubai gearbeitet und kam dann zurück, um mein eigenes Handygeschäft in der Heimat aufzumachen. Aber in Syrien müssen wir ab einem bestimmten Alter zur Armee. Ich fand das schrecklich, ich wollte keine Waffe in der Hand halten. Also beschloss ich, Syrien zu verlassen. Das war Anfang 2015. Über den Libanon kam ich dann nach Deutschland. Und ich hoffe, dass ich hier bleiben kann.

KHALED: Ich bin im September 2015 nach Deutschland gekommen – nach langer Überlegung. Meine Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, denn sowohl meine Eltern als auch zwei meiner Schwestern leben noch in Damaskus. Aber ich habe jahrelang der Zerstörung in meinem Land zugesehen – und zwar nicht nur der Zerstörung von Gebäuden, sondern auch der Kultur und vor allem der Menschen. Mir war das unerträglich, täglich mit Angst und Schrecken zu leben. Ich wollte eine Zukunftsperspektive. Deswegen bin ich geflohen. Auch wenn ich mir vor Sorge um meine Familie das Hirn zermartere.
Akhter Shah Agha stammt aus Afghanistan. Er findet es vor allem schwierig, hier derzeit nichts tun zu können – außer Deutsch lernen.

Warum entscheiden sich so viele Syrer für Deutschland als Ziel?

KHALED: Die Vorstellung, die die Syrer von Europa und vor allem von Deutschland haben, ist: Toll! Die leben in Frieden. Es geht ihnen gut. Wenn sie krank sind, kommt ein Arzt. Sie sind innovativ. Technisch weit vorne. Es gibt Jobs. Auch für gelernte Buchhalter wie mich. Und das bedeutet: Es gibt eine Zukunft. Vielleicht auch eine in meiner alten Heimat – wenn es dort wieder sicher ist und ich zurückkehren kann, mit all den Erfahrungen, die ich hier machen durfte, mit all dem, was ich hier lernen durfte.

FERAS: Das denken nicht nur Syrer, das denken auch Iraker wie ich.

AKHTER SHAH AGHA: Und Afghanen wie ich.

Wie lange sind Sie denn schon hier?

FERAS: Ich bin seit einem Jahr und drei Monaten hier in Bad Homburg in der Gemeinschaftsunterkunft im Niederstedter Weg.
Khaled kam im September 2015 aus Syrien nach Bad Homburg. Er ist gelernter Buchhalter. Sein Deutsch ist mittlerweile ausgezeichnet.

AKHTER SHAH AGHA: Und ich bin in der Siemensstraße untergebracht, teile mir dort ein Zimmer mit fünf Leuten. Ich bin seit einem Jahr hier. Und, ohne schimpfen zu wollen, es ist furchtbar, mit wildfremden Menschen auf engstem Raum leben zu müssen, vor allem mit solchen, mit denen man sich nicht verständigen kann. Die Leute glauben vielleicht, wir sind alle Flüchtlinge und sprechen sicher alle Arabisch – aber das ist nicht der Fall. Ich spreche jedenfalls kein Arabisch, im Gegensatz zu jenen, die aus Syrien, dem Irak oder Palästina kommen. Dann gibt es wieder Leute, etwa aus Afrika, die zumindest gebrochen Englisch sprechen. Deutsch können auch nicht alle. Die Verständigung ist also echt schwierig. Noch schwieriger finde ich es allerdings, zum Nichtstun verdammt zu sein. Von zwei Praktika mal abgesehen, konnte ich bislang nichts tun – außer weiter Deutsch lernen.

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