Flüchtlinge und Fremdarbeiter: Ein Gewinn für die neue Heimat

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8.11.2016: aus Taunuszeitung.Aktuell und historisch zugleich ist die neue Sonderausstellung „Fremde, Heimat, Friedrichsdorf“ im Heimatmuseum. Die Schau beleuchtet die Geschichte der Friedrichsdorfer Flüchtlinge, von den Hugenotten bis heute.

Seulberg.
Was macht der Apfel in der Vitrine mit den Musterstücken der Posamenten, den Bordüren und anderen textilen Schmuckelementen, die von der Erfolgsgeschichte der ehemaligen Friedrichsdorfer Posamentenfabrik erzählen? Erika Dittrich weiß es: Gegründet wurde die Fabrik von der Familie Schmidl, die als Heimatvertriebene aus dem Sudetenland in Friedrichsdorf ein neues Zuhause gefunden hatten. Und dabei spielte das Kernobst eine besondere Rolle.

„Der Apfel deutet auf eine Anekdote hin, ohne die es für die Schmidls vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre, die Fabrik zu gründen“, erklärt die Vorsitzende des Vereins für Geschichte und Heimatkunde. Denn zu Beginn habe es den Vertriebenen an wichtigen Maschinenteilen gefehlt.

Das wiederum habe Walter Ziess, der spätere Friedrichsdorfer Bürgermeister, gehört und sich für die Schmidls eingesetzt. In seiner Heimat, einem Ort in der Nähe von Wuppertal, konnte er die Maschinenteile besorgen – „ im Tausch gegen Körbe mit Friedrichsdorfer Äpfeln“, berichtet Dittrich. Ein Tauschgeschäft, das sich auszahlen sollte. Die Firma wurde ein Erfolg. „Bald hatte sie bis zu 60 Angestellte und belieferte ganz Hessen.“

Die Geschichte der Schmidls ist eines von vielen Themen, die die neue Sonderausstellung im Seulberger Heimatmuseum in den Blick rückt. Unter dem Leitmotiv „Fremde, Heimat, Friedrichsdorf“ spannt sie den Bogen von der Ansiedlung der Hugenotten durch Landgraf Friedrich II. über die ersten Gastarbeiter, die in den 1970er Jahren in Friedrichsdorf eine neue Bleibe fanden, bis hin zur Erstaufnahme von rund 500 Flüchtlingen im Zuge der aktuellen Krisen.

„Doch der eigentliche Anlass für unsere Ausstellung ist die Ankunft der Heimatvertriebenen vor 70 Jahren“, betont Dittrich. „Das war für uns der Grund, nach der kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung von Zuwanderung für die Stadt zu fragen“, so die Museumsleiterin.

Die Ausstellung ist nach Art eines Zeitstrahls aufgebaut, an dem entlang die Besucher die größten Wanderungsströme von den Glaubens- bis zu den Kriegsflüchtlingen verfolgen können. Das Besondere ist, dass in den Vitrinen dieses Mal viele Leihgaben aus Privatbesitz zu sehen sind.

Faszinierend sind vor allem die persönlichen Gegenstände wie Tücher, Tassen oder Schmuckstücke, die die Familien auf ihrer langen Flucht während des Zweiten Weltkriegs mit in ihre neue Heimat haben retten können.

Immer wieder, so Dittrich weiter, seien Menschen auf der Suche nach einer gut bezahlten Arbeit nach Friedrichsdorf gekommen. „Die Hugenotten haben es schnell dank ihrer besonderen Kenntnisse zu wirtschaftlichem Erfolg gebracht“, erinnert sie. „Ihr Wissen um die Färberei war so begehrt, dass Gesellen aus ganz Europa kamen und Friedrichsdorf eine wichtige Station auf ihrer Wanderroute markierte.“

Zunächst den Hugenotten vorbehalten, lockerte man im Laufe der Zeit das anfängliche Zuzugverbot des Landgrafs für Deutsche, da Arbeiter in den Manufakturen und später in den Fabriken gebraucht wurden. „Nicht nur im Baugewerbe waren viele Kräfte aus Italien und Tirol beschäftigt. „An Arbeit nahmen sie seit dem 18. Jahrhundert hier alles an, was sich ihnen gerade bot“, erklärt Dittrich.

Arbeit zieht an

„Ein Seulberger Namensverzeichnis belegt, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch zahlreiche Arbeiter aus Bayern hier niederließen. „Einer von ihnen war Otto Koch aus Donauwörth, der nach dem Ersten Weltkrieg bei den Farbwerken Hoechst angestellt war“, sagt Dittrich. „Von Frankfurt zog er dann nach Seulberg, wo seine Nachkommen noch immer leben.“

„Saisonarbeiter aus Polen kamen dann in den Jahrzehnten um 1900 hinzu.“ Heirateten sie Deutsche, stellte dies die Behörden vor Probleme, entgingen sie doch so einer Abschiebung, meint Dittrich.

Als in der Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg Arbeitskräfte gebraucht wurden, warb man im Ausland „Gastarbeiter“ an. Einer von ihnen ist Thomas Papadopoulos. „Er kam 1970 aus Griechenland in den Taunus und gründete hier eine Familie“, erzählt die Ausstellungsmacherin.



Die Ausstellung ist bis zum 1. März 2017 im Heimatmuseum (Alt Seulberg 46) zu sehen, Die Öffnungszeiten: mittwochs und donnerstags von 9 bis 12 sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr, nach Voranmeldung sind auch Gruppenführungen möglich unter Telefon (06172) 7313100.

» http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Fluechtlinge-und-Fremdarbeiter-Ein-Gewinn-fuer-die-neue-Heimat;art48711,2308456

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