Diese zwei Homburger sind jetzt die Vormünder von afghanischen Teenies

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20.10.2016: aus Taunuszeitung.Bad Homburg.
„Welches ist das größte Bundesland? Welches hat die meisten Einwohner? Was bedeutet es, wenn man sagt, ,futtern wie ein Scheunendrescher‘? Kann ich ein Praktikum in einer Werkstatt machen?“ Benno Schneider hat in den vergangenen Monaten viele Fragen beantworten müssen. Manche Antworten waren leicht. Manche knifflig. Die Fragen stellte ein 16 Jahre alter afghanischer Junge, der Schneiders Mündel ist. Benno Schneider ist ehrenamtlicher Vormund. Und zwar aus voller Überzeugung.

„Als die Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr einen ersten Höhepunkt erlebte, haben meine Frau und ich uns angeschaut und uns gesagt, dass wir etwas machen müssen.“ Sachspenden seien die eine Sache, aber er habe seine Haltung zeigen und „etwas Nachhaltigeres“ geben wollen – seine Zeit. „Ich dachte, das kann ich leisten. Unsere beiden Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, “ sagt der IT-Manager.
Schneider und seine Frau Brigitte hatten davon gehört, dass ehrenamtliche Vormünder gesucht würden, und besuchten daher im November eine entsprechende Informationsveranstaltung des Deutschen Kinderschutzbundes. „Das Bürgerhaus Kirdorf war rammelvoll, über 300 Leute waren dort – alle wollten helfen, am besten sofort.“

„Stimmt, es war ein bisschen nach dem Motto, hier sind wir, jetzt lasst uns gleich loslegen“, erinnert sich auch Andrea Jäger, die ebenfalls ehrenamtliche Vormundin ist und sich um einen 15 Jahre alten afghanischen Jungen kümmert. Mit dem „Loslegen“ sollte es allerdings noch einige Wochen dauern, denn der Kinderschutzbund machte gleich klar, dass guter Wille alleine nicht reicht, sondern eine spezielle Ausbildung vonnöten ist. „Viele waren enttäuscht, weil sie sich in ihrem Engagement gebremst sahen. Ich war von der Professionalität begeistert“, sagt Jäger, und das ist auch kein Wunder. Die 53 Jahre alte Bad Homburgerin ist selbst Profi, war vor ihrer Zeit als selbstständige Unternehmensberaterin Sozialpädagogin und hat über zehn Jahre in der betrieblichen Sozialberatung gearbeitet. Auch sie wollte unbedingt helfen, und zwar „langfristig und sinnstiftend“.

Anstelle der Eltern agieren

Sowohl Jäger als auch Schneider führten zunächst lange Gespräche mit Kristina Odak, der Projektleiterin ehrenamtliche Vormundschaft beim Kinderschutzbund Hochtaunus. „Es ist wichtig, die Motivationslagen zu verstehen, die Menschen bewegt zu helfen, aber auch ihre Erwartungshaltungen“, erklärt Odak. Die Vorstellung, sich ein Mal in der Woche zum Eis-Essen mit einem minderjährigen Flüchtling zu treffen, mit der muss man aufräumen.“

Tatsächlich geht es bei der ehrenamtlichen Vormundschaft darum, die Aufgaben zu übernehmen, die in der Regel auch Eltern zufällt – zum Beispiel beim Elternabend in der Schule dabei zu sein. Überhaupt, sich um seine schulische Ausbildung zu kümmern. Einen Platz im Sportverein zu organisieren. Mit dem Arzt über Behandlungen zu sprechen. Natürlich nimmt das Zeit in Anspruch, die über das vom Gesetzgeber vorgegebene Treffen ein Mal im Monat hinaus geht. „Das muss man wissen, wenn man sich dazu entschließt, diese Verantwortung zu übernehmen“, sagt Schneider. Einen Ferien-Praktikumsplatz für einen Teenager zu besorgen, der nur ein bisschen Deutsch kann, koste eben ein bisschen Zeit. „Aber wie wunderbar, wenn es dann klappt!“

Überhaupt empfinde er es als bereichernd, sich um den Jungen zu kümmern. „Das hat Relevanz“, sagt Schneider. „Wir sprechen nicht über das, was er erlebt hat, ich stelle keine Fragen. Aber ich weiß, dass sein Vater von den Taliban ermordet wurde und seine Mutter seit der Flucht vermisst wird.“ Schneider sagt, er versuche, dem Jungen dabei zu helfen „anzukommen“. Deswegen sprechen sie beim Spazierengehen über seine heutigen Erlebnisse. Zum Beispiel die in der Schule, die er in Bad Homburg besucht – wie daheim neun Jahre lang auch. „Warum kichern die Mädchen hier immer?“, habe er zum Beispiel gefragt und erklärt, in seiner alten Heimat hätten Mädchen und Jungen getrennt Unterricht gehabt. Schneider ist davon überzeugt, dass Sprache der Schlüssel zu allem ist. „Mein Mündel hat große Fortschritte gemacht, spricht bereits im Präsens ganz ordentlich. Jetzt müssen wir an den Vergangenheitsformen arbeiten.“ Deswegen liest er viel mit seinem Mündel, derzeit Erich Kästners „Emil und die Detektive“ in einer Variante, in der die alten deutschen Begriffe erklärt sind. „Das macht Spaß, vor allem weil der Junge so gut erzogen ist und auch bei der x-ten Frage noch höflich bleibt.“ Fragen gebe es viele. Aber: Wenn es an einer Stelle hapert und Schneider einen Begriff nicht erklären kann, hilft das Internet mit diversen Übersetzungsmaschinen weiter.

Mehrtägige Schulung

Solche Situationen bewältigt Schneider mit Geduld, Empathie und gesundem Menschenverstand. Für andere – den Umgang mit Trauer und Wut, alle Arten von Belastung oder Fragen zum Thema Asylrecht – wurde er von Profis geschult. „Ich habe daheim einen dicken Leitz-Ordner mit Informationen. Und wenn ich darüber nicht weiterkomme, dann bekomme ich entweder Hilfe über den Kinderschutzbund, unsere Vormünder-WhatsApp-Gruppe oder von den Mitarbeitern des Jugendamtes und der Jugendhilfeeinrichtung. Das ist ein großes Netzwerk, in dem wir uns befinden, eines sogar mit Supervision“, lobt Schneider. Vor allem hat ihn beeindruckt, dass es dem Kinderschutzbund gelungen sei herauszufinden, dass er ein guter Vormund speziell für sein Mündel wäre. „Das Matching ist toll. Der Bub braucht ein männliches Rollenvorbild – wie mich“, sagt Schneider und fügt hinzu: „Auch wenn ich ihn mitunter einfangen muss, etwa, was seine beruflichen Vorstellungen betreffen. Da muss man behutsam vorgehen, aber auch deutlich machen, dass bestimmte Berufe bestimmte Voraussetzungen haben, die Erwartungshaltungen nivellieren.“

Andrea Jägers Herausforderungen sind anderer Natur. Weil sie Sozialpädagogin ist, mithin ganz andere Voraussetzungen für die ehrenamtliche Vormundschaft mitbringt, hat sie ein Mündel, das nie zur Schule gegangen ist. „Wir backen ganz kleine Brötchen und lernen zunächst die Buchstaben, er muss ja erst einmal alphabetisiert werden“, sagt Jäger. Auch ihr Mündel hat auf der Flucht einen Teil seiner Familie verloren, ist traumatisiert. „Ich weiß nicht, ob er zur Flucht gezwungen war, ob es seine Entscheidung war zu fliehen. Wir sprechen nicht darüber. Aber ich staune, wie er sich bei seiner Vorgeschichte, allein wie er ist, zurechtfindet. Das ist unglaublich.“

Orientierung und Struktur

Sie sehe es als ihre Aufgabe an, dem Jungen Orientierung und Struktur zu geben, Entscheidungen für ihn zu treffen, die in seinem Sinne und das Beste für ihn sind. Die zu treffen nicht immer leicht sind. Vor allem, weil man so viel bedenken muss als ehrenamtlicher Vormund. Beispiel: Sportklamotten. Man kann nicht einfach losziehen und Sportschuhe kaufen. Auch wenn das Mündel sie braucht, um an einem Sichtungstraining teilnehmen zu können – nach dem ein Verein entscheidet, ob er überhaupt aufgenommen wird. Problem: Das Jugendamt zahlt die Schuhe – aber erst, nachdem er im Verein aufgenommen wurde. Solcherlei Hin und Her kennt Jäger und sagt: „Da ist man manchmal versucht, die Sachen einfach zu kaufen. Aber das geht nicht. Nicht nur, weil es eben behördliche Regeln und damit einhergehend langwierige Prozesse gibt, die man eben erdulden muss. Sondern auch, weil das im Heim, in dem die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge mit anderen Jugendlichen zusammenwohnen, für Neid und Missgunst sorgt.“ „Außerdem muss man immer im Kopf haben, dass wir Erziehungshilfe und keine Freizeithilfe leisten“, fügt Schneider hinzu.

„Es geht darum, den Kindern und Jugendlichen Struktur und Halt zu geben, sie zwischen Adoleszenz und Akkulturation zu begleiten“, erklärt Kinderschutzbund-Projektleiterin Odak. Was Letzteres betrifft, ist Schneiders Mündel einen großen Schritt vorangekommen. „Neulich habe ich gesehen, wie er mit einem Ordner und einem Locher hantierte, um diverse Papiere einzuheften. Ich musste ihm natürlich zeigen, wie man den Locher auf Din-A-4 einstellt und wie man das Gerät benutzt – aber dann ging’s los. Als ich ihm dabei zusah, musste ich lachen und denken: Jetzt ist er wirklich in Deutschland angekommen.“

» http://www.fnp.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Diese-zwei-Homburger-sind-jetzt-die-Vormuender-von-afghanischen-Teenies;art48711,2257935

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