Von der Schwierigkeit, Jobs und Ausbildungsplätze für Flüchtlinge zu finden

Zurück zur Übersicht

26.9.2016: aus Taunuszeitung.Kronberg/Königstein.
In Kronberg wurden bereits drei junge Flüchtlinge in Ausbildung gebracht, berichtete Hans-Willi Schmidt von der Flüchtlingshilfe. „Wir sind heute an einem Punkt, an dem wir starten müssen mit der Integration“, so Schmidt weiter, der zudem mitteilte, dass die HEAE-Außenstelle am Oberen Aufstieg am kommenden Mittwoch geschlossen werde. Die Kronberger Helfer hatten am Donnerstagabend gemeinsam mit dem Freundeskreis Asyl Königstein zu einem von Integrationscoach Anna Basse moderierten Unternehmerforum in die Villa Winter geladen. Auch über den Bund der Selbstständigen (BdS) in Kronberg wurden Interessenten angesprochen. Spezialisten aus der Praxis berichteten über die Möglichkeiten, Flüchtlingen eine berufliche Perspektive zu bieten, aber auch, woran es hakt.

Bei vielen offensichtlich schon am Interesse, denn unter den rund 20 Gästen fanden sich nur wenige Unternehmer. Ist es zu kompliziert, zu risikoreich, Flüchtlingen eine Stelle im Betrieb anzubieten? Im Laufe der Diskussion wurde deutlich, dass es mittlerweile sehr viele Angebote gibt, die Arbeitgeber dabei unterstützen können. Es gibt aber auch nach wie vor einige Hürden.

„Man muss es wollen, und man muss sich damit beschäftigen“, sagte Peter Hensel, Geschäftsführer der Dr. Vogler GmbH. Ein großes Problem sei die Sprachbarriere in der Berufsschule. „Der Stoff wird nicht verstanden.“ Eine Flüchtlingshelferin im Publikum bestätigte das, hier sei eine berufsspezifische Nachhilfe dringend nötig. Hensel wies darauf hin, dass Zeit für Unternehmer ein limitierender Faktor ist. Selbst gewillte Betriebe hätten kaum die Ressourcen, um sich durch den Wust an Vorschriften und Angeboten zu arbeiten. „Hier würde ich mir Unterstützung wünschen: Ein Infoblatt oder ein Ordner, in dem steht: Das sind die Möglichkeiten, die ihr habt.“

Dietmar Kirchner vom Freundeskreis Asyl wies darauf hin, welche Hilfe die Ehrenamtlichen für sie leisten können. Dies ist beispielsweise die Vermittlung kultureller Werte, etwa, dass „eine Ausbildung in Deutschland mehr ist als vier Wochen zugucken“. Zudem kennen sie ihre Schützlinge gut und können daher eine qualifizierte Prognose abgeben, wie verlässlich und diszipliniert ein möglicher Kandidat ist. Kirchner wies auf die Möglichkeiten von Ein-Euro- und Mini-Jobs hin, machte aber auch keinen Hehl aus seiner Verärgerung, dass die bürokratischen Abläufe bei Letzteren unsäglich lange dauern. Zu lange für viele Arbeitgeber, die mit solchen Jobs oftmals gerade einen kurzfristigen Bedarf decken wollen.

Individuelle Lösung

„Wir versuchen, eine individuelle Lösung für jede Person zu finden“, berichteten Khalil Ibrahim Chiadmi und Doris Kirbach, die die Arbeitsagentur in Bad Homburg vertraten. Möglich seien beispielsweise Eingliederungszuschüsse, mit denen die Agentur 30 bis 50 Prozent des Bruttolohns für maximal ein Jahr übernehmen kann. Eine Einstiegsqualifizierung sei eine Art „langes Praktikum“, bei dem Flüchtlinge auf eine Ausbildung beim Arbeitgeber vorbereitet werden. Zudem gibt es Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung, die maximal sechs Wochen dauern dürfen – etwa Schnupperpraktika.

Der Teufel steckt aber im Detail. Beispiel: Sind die Flüchtlinge anerkannt, sind nicht Chiadmi und Kirbach, sondern das Jobcenter zuständig. Gut, dass auch Gabriele Wörner vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft mit am Tisch saß: „Mich gibt es etwa 130 Mal in Deutschland“, stellte sich die Integrationsmanagerin vor. Gemeint sind Willkommenslotsen, die vor allem kleinen und mittleren Unternehmen mit Rat zur Seite stehen sollen. Seit 1. Juni tätig, hat sie ein Netzwerk aufgebaut, bereits 190 Unternehmen angesprochen und 38 Flüchtlinge vermittelt. Sie stellt eine Art Mittler zwischen den vielen beteiligten Organisationen und Ämtern dar.

Aufruf an Betriebe

Trotz aller (noch) bestehenden Hürden wollten die Organisatoren und Unternehmer im Publikum den Abend auch als Aufruf an Betriebe in der Region verstanden wissen, Flüchtlingen eine Chance zu geben. „Ich war selbst Geschäftsführer“, sagte ein Gast aus dem Publikum. Er verwies auf die Strukturen und Prozesse, die die Behörden in den vergangenen Monaten entwickelt hätten: „Da haben sich Welten verändert. Ich bin sicher: Wer 2017 einen Flüchtling als Auszubildenden einstellt, wird auf die ganze Infrastruktur zugreifen können.“

» http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Von-der-Schwierigkeit-Jobs-und-Ausbildungsplaetze-fuer-Fluechtlinge-zu-finden;art48711,2232605

Zurück zur Übersicht
zurück zur Startseite