Taunus-Zeitung vom 17. Juni 2014: Menschliche Brücken schlagen

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17.6.2014: „In der Kirche gibt es keine Ausländer, uns sind die Menschen wichtig“, sagte Pfarrer Meuer am Samstag beim ersten Willkommensfest für Flüchtlinge, das weit besser besucht war, als zunächst erhofft.

Das Willkommensfest für Flüchtlinge in Bad Homburg, zu dem am Samstag die Katholische Kirchengemeinde St. Marien und der im November gegründete Arbeitskreis Flüchtlinge in den Gemeindesaal eingeladen hatten, war ein „Wagnis“, so Pfarrer Werner Meuer bei der Begrüßung: „Wir wussten nicht, wie viele kommen würden.“ Nun weiß er es: Viele!

Mehr als 20 Flüchtlinge füllten den Pfarrsaal gemeinsam mit Mitgliedern des Arbeitskreises, so dass sich auch Michael Dillmann, einer der Organisatoren, eigentlich beruhigt hätte zurücklehnen können. Das tat er aber nicht, er suchte ständig das Gespräch mit den Menschen, die zumeist aus Somalia, Eritrea, Afghanistan und Pakistan nach Bad Homburg gekommen waren. Ständig mittendrin war auch Mechthild Weiß. Die Lehrerin gehört zum ehrenamtlichen Sprachförderteam des Arbeitskreises und leitet einen der Deutschkurse. „80 Prozent der Probleme bestehen darin, dass sie die deutsche Sprache nicht beherrschen“, sagt sie und beschreibt den Wunsch ihrer Schüler, rasch Deutsch zu lernen, als groß. Mulueberhan, ein junger Eritreer, findet sogar, dass es gar nicht so schwer, aber enorm wichtig sei, Deutsch zu erlernen. Er sitzt mit ein paar Landsleuten und Pfarrer Meuer am Tisch und berichtet in gebrochenem Englisch – fürs Reden reicht sein Deutsch dann doch noch nicht – über seine Odyssee.

Er und seine Landsleute, die er erst in Bad Homburg kennengelernt hat, sind, wie die meisten Flüchtlinge aus Eritrea, über Lampedusa nach Italien gekommen, von wo aus sie nach einer Woche nach Deutschland weitergereist sind.

Auf engstem Raum

Ein junges Mädchen, das aus Angst vor weiterer Verfolgung seinen Namen nicht sagen wollte, erzählt von diesen ersten Tagen auf europäischem Boden. Es sei schrecklich gewesen; Tausende seien auf engstem Raum zusammengesperrt gewesen oder hätten auf der Straße gelebt; die Versorgung mit Lebensmitteln sei schlecht gewesen. Vielen seien zur Registrierung zwar Fingerabdrücke abgenommen worden, gekümmert habe man sich aber nicht um sie. Sie sei froh gewesen, bald nach Deutschland weiterreisen zu können, erzählt sie, und sie sei froh, in Bad Homburg angekommen zu sein. So sieht das auch Mulueberhan, die Deutschen, sagt er, sind glückliche Menschen.

Glücklich dürfte aber auch eine andere junge Frau aus Eritrea sein, von der Michael Dillmann erzählt. Sie war im November hochschwanger nach Bad Homburg gekommen und von ihm zur Entbindung in die Klinik gebracht worden. Dort hat sie zwei Buben das Leben geschenkt, die am Samstag besonders herzlich begrüßt wurden. „Viele haben dabei geholfen, sie auf die Welt zu bringen“, erzählt Dillmann. Da die Frau nur ihren Dialekt und Arabisch sprach, war keine Verständigung möglich. In der Unterkunft fand sich jedoch eine Landsfrau, die Englisch konnte und dolmetschte. Dass die Frau dann auch noch einen Arzt fand, der Arabisch sprach, war ein weiterer Glücksfall.

Pfarrer Werner Meuer sagte zur Begrüßung: „Für Menschen, die Hilfe brauchen, da zu sein und Brücken zu schlagen, ist unser christlicher Auftrag.“ Nationen und Religionen spielten dabei keine Rolle: „Uns sind die Menschen wichtig, in der Kirche gibt es keine Ausländer.“ Es sei schön, diese Menschen, die in ihrem Heimatland alles hinter sich gelassen hätten, „mit offenen Armen und Herzen willkommen heißen zu können.“ Meuer dankte dem Arbeitskreis für seine bisherige Arbeit, aber auch für die Organisation dieses Festes.


Mehr glückliche Flüchtlinge als erwartet kamen zum Willkommensfest nach St. Marien. Foto: J. Reichwein

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