Taunuszeitung vom 25.4.14: Alle müssen erfahren, wie es wirklich aussieht

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5.5.2014: Von Dorit Lohrmann

NEU-ANSPACH. - Abdissa Tanna Dejene war Lehrer in Äthiopien. Jetzt lebt er als Flüchtling in Deutschland. Die politischen Verhältnisse in seinem Heimatland sowie Gewalt und Folter gegen seinen Volksstamm hatten ihn zur Flucht getrieben.

Äthiopien hat eine demokratische Regierung. Doch: „Sieht so Demokratie aus?“, fragte Abdissa Tanna Dejene und projizierte ein Bild an die Wand des katholischen Gemeindezentrums. Der Cartoon zeigte angekettete, gefolterte Menschen und ihre Peiniger, gekennzeichnet mit Emblemen der Regierung.

Abdissa sprach zu einem rund 30-köpfigen Publikum, das ins Gemeindehaus gekommen war, um sich seine Geschichte anzuhören. Seine sowie die seiner Landsleute, die in den vergangenen Monaten und Jahren in großer Zahl aus Äthiopien geflohen waren. Organisiert hatte den Abend der Arbeitskreis Flüchtlinge, der dem jungen Lehrer aus Äthiopien damit ein Sprachrohr an die Hand gab.

Denn: „Die Welt hält Äthiopien für eine Demokratie, das Land wird weltweit und besonders von den Vereinigten Staaten unterstützt“, sagte der 28-Jährige. „Die Länder müssten erfahren, wie es wirklich aussieht“, findet er – Aufklärung also als ersten Schritt zu möglichen Veränderungen.

Die Flucht der unterdrückten Bevölkerung – vor allem jene, die wie er selbst der Volksgruppe der Oromo angehören – sei schließlich keine dauerhafte Lösung. Womöglich auf der Flucht im Ozean zu ertrinken sei allemal besser als durch Verfolgung, Folter und Hinrichtung umzukommen. „Ein Freund von mir wurde an den Genitalien gefoltert, so dass er danach zeugungsunfähig war“, schilderte der Oromo und zeigte das Foto eines religiösen Festes seiner Volksgruppe, die Feiernden von Bewaffneten umzingelt. „Damals wurden ungefähr 100 Menschen verschleppt.“

Abdissa, in seiner Heimat Geografie- und Staatsbürgerkundelehrer, studierte nebenbei, um den Master zu machen. Gerade Studenten und Gebildete seien der Regierung aber ein besonderer Dorn im Auge, weswegen diese Gruppen ganz besonders verfolgt würden.

Als die äthiopische Polizei 2013 Studenten für mehrere Tage in Containern gefangen hielt, entschied sich Abdissa für die Flucht nach Europa. Wohin genau? „Das war mir egal, Hauptsache, weit genug weg.“ Angrenzende Länder wie zum Beispiel Kenia kämen kaum noch infrage, da die Flüchtlinge sogar dort aufgespürt und mit Folter und Tod bestraft würden.

Der Äthiopier beantwortete viele Fragen seiner Zuhörer. Er sprach Englisch, Julie Cordell vom Arbeitskreis übersetzte. Ein wenig Deutsch hat Abdissa Tanna Dejene bereits gelernt. Er ist den Deutschen dankbar für ihre Unterstützung. Was ihn aber besonders erleichtert, das ist die Tatsache, dass seiner Ehefrau die Flucht ebenfalls gelungen ist und sie ihn vor einigen Tagen über eine Berliner Flüchtlingszentrale ausfindig machen konnte.

Zum Thema: Die Oromo
Äthiopien beherbergt mehr als 80 verschiedene Volksgruppen, darunter die der Oromo, die den größten Teil der Gesamtbevölkerung ausmachen.



Abdissa Tanna Dejene (links) zeigte Flagge: Es ist die der Befreiungsfront seines Volkes, der Oromo. Julie Cordell (rechts) half beim Übersetzen, als der Flüchtling die Geschehnisse in seiner Heimat schilderte. Foto: loh bild

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